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Schulreform: Katholische Schulerhalter für "ideologische Abrüstung"

Schulreform: Katholische Schulerhalter für "ideologische Abrüstung"

Schulreform: Katholische Schulerhalter für "ideologische Abrüstung"

KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 19, 23. Jänner 2011 – Seite 4
Schulreform: Katholische Schulerhalter für "ideologische Abrüstung"
Geschäftsführer der Vereinigung von Ordensschulen, Rudolf Luftensteiner, antwortet im „Kathpress“-Gespräch auf Anfrage des Wiener Erziehungswissenschaftlers Gruber, wie es die Kirche mit der Gesamtschule halte

Wien-Salzburg, 23.01.11 (KAP) Für eine „ideologische Abrüstung“ in der gegenwärtigen Schulreform-Debatte plädieren die katholischen Schulerhalter. Wie Rudolf Luftensteiner vom Schulreferat der Superiorenkonferenz im Gespräch mit „Kathpress“ betonte, bedürfe es einer solchen Abrüstung gerade im Blick auf das heiß umstrittene Thema Gesamtschule. Die Bildungsforschung zeige ganz eindeutig, dass im Blick auf Chancengleichheit und Durchlässigkeit des Schulsystem die Gesamtschule „nicht der Weisheit letzter Schluss“ sei. Vor einer übereilten Strukturreform solle man lieber „genau hinsehen“, warum einzelne Schulen funktionieren und andere nicht, so Luftensteiner. Dabei würde sich zeigen, dass viel entscheidendere Kriterien die Klassenschülerzahl, die Ausstattung und die Begleit- und Assistenzangebote in den Schulen seien.

Luftensteiner reagierte damit zugleich auf eine Anfrage des Wiener Erziehungswissenschaftlers Prof. Karl Heinz Gruber. Dieser hatte im „Standard“ (Freitag) der Kirche die „Gretchenfrage“ gestellt: „Wie hältst Du es mit der Gesamtschule?“ und dabei unterstellt, die „egalitäre Botschaft Christi“ müsse sich prinzipiell gut mit der „egalitären Gesamtschulidee“ vertragen. Laut Luftensteiner gelte es bei dieser Frage genauer hinzusehen - so zeige die moderne Bildungsforschung, dass das Gesamtschulsystem nicht notwendigerweise die attestierte egalitäre Chancengleichheit garantiere. Das gegliederte Schulsystem entspreche darüber hinaus viel eher der Tatsache, „dass die Menschen different sind und nicht alle gleich“, so Luftensteiner.
Luftensteiner äußerte sich im Anschluss an die gesamtösterreichische Tagung der Schulerhalter und Direktoren katholischer AHS und BAKIPs, die in dieser Woche in Salzburg stattfand und sich mit dem Thema „Chancengleichheit als Qualitätskriterium für Bildung“ befasste. Die katholischen Schulen würden ihre Aufgabe in der laufenden Bildungs- und Schulreformdebatte sehr ernst nehmen, so Luftensteiner, dabei jedoch auf die „Unterscheidung von Fakten und Mythen“ drängen und den Blick „von den Grabenkämpfen hin auf das Wohl des Kindes lenken“.
Grundlagen einer solchen Unterscheidung hätte etwa bei der Tagung der Münchener Bildungsforscher Prof. Kurt Heller geliefert, der auf Basis einer 17-jährigen Langzeitstudie zum Thema Gesamtschule zu dem Ergebnis gekommen ist, dass das ein einheitliches Gesamtschulsystem nicht notwendigerweise gerechter und durchlässiger sei als ein gegliedertes System wie es etwa in Österreich existiert, so Luftensteiner. Voraussetzung für ein Gelingen eines einheitlichen Systems seien eine radikale Reduzierung der Klassenschülerzahl, eine Erhöhung der Lehrerzahl und ein Ausbau der pädagogischen Assistenz. Dies würde jedoch in Österreich zu einer „Kosten- und Personalexplosion“ führen, so Luftensteiner.
Weiters wies Luftensteiner in Anlehnung an den Wiener Bildungsforscher Prof. Stefan Thomas Hopmann darauf hin, dass das österreichische Schulsystem im Blick auf die Durchlässigkeit durchaus im Durchschnitt liege. Entscheidender als die Frage nach einer umwälzenden Strukturreform sei laut Luftensteiner die Frage der Klassengröße sowie der Migrationsproblematik insbesondere in den großen Städten. Zugleich gebe es - als österreichisches Spezifikum - ein besonderes Stadt-Land-Gefälle: so bestehe bei den Ländern die Sorge um den Fortbestand der Schulen in kleineren Gemeinden. Durch die Binnenmigration würde es zu einem immer stärkeren Ausbluten der Landgemeinden kommen, die schließlich auch ihre Schulstandorte überdenken würden. Hier gelte es, Lösungen zu suchen.
Veranstaltet wurde die Tagung gemeinsam von der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs, der Vereinigung der Frauenorden, der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie dem Interdiözesanen Amt für Unterricht und Erziehung.